Lyrik

Für 301 Kumpel in Soma

13. Mai 2014

Ein politisches Plädoyer
von Hıdır Eren Çelik

Es ist kein Schicksal.
Es ist kein Unglück.
Es ist kein Freitod.
Es ist Mord.

Es ist ein schwarzer Tag für uns Kumpel unter Tage.
Die toten Kumpel aus der Tiefe der Erde in Soma
klagen gegen die unbegrenzte Habgier des Kapitalismus.

Die Klagelieder der Frauen bündeln wellenartig eine Welle von Solidarität
über die Grenzen durch die Welt.

Die Kameras zeigen Krokodilstränen der Politiker, die dies als Schicksal predigen.

Erbost, wütend antwortet die Staatmacht auf jede Kritik und Solidarität von der Straße.

Es ist die Angst, die Politiker aggressiv und zynisch macht.

In Trauer und Entsetzen werden die toten Kumpel geborgen aus der dunklen Grube.

Profit und Habgier der Kapitalisten kennen keine Grenzen.
Es schwebt eine schwere Luft durch die dunkle Grube wie ein Gespenst,
langsam atmen unsere Lungen,
unsere Herzen schlagen langsamer denn je.

Traurige Gesichter sind überall,
die Kinder weinen um ihre Väter,
die Mütter um ihre Kinder,
die Frauen um ihre Männer,
die Väter um ihre Söhne.

Dieselben Augen,
Dieselben Klagen,
die wir als Kumpel weltweit tragen.

Unsere Sehnsüchte und Schmerzen sind sogleich,
dass wir gleiches Lächeln an unseren Gesichtern tragen.

Unter Tage ist unsere Welt,
wir arbeiten Schulter an Schulter in dunklen tiefen Gruben.

Ausgeschlossen vom Tageslicht schuften wir Tag für Tag um ein besseres Leben,
das blieb uns aber verborgen.

Beim Sterben liegen wir nebeneinander in unseren Totenbett,
klagen wir gemeinsam die Habgier des Geldes an,
zu unseren Lebzeiten hatten wir keinen Wert.

Mit dem Geld kauft man unseren Tod.
Unsere Frauen sollen keine schwarzen Kleider tragen,
die Habgier betrachtet unseren Tod nicht als Unglück, denn sie denkt nur an Profit,
unermüdlich arbeiten wir, um an kalten Wintertagen die Häuser zu erwärmen,
damit eure Kinder nicht erfrieren.

Während die Sonne da draußen scheint,
arbeiten wir in dunklen tiefen Gruben.

Während die Nacht ausbricht,
hammern wir in der Tiefe der Erde.

Uns ist das ganze Jahr eine Nacht,
nur in unseren Augen scheint die Sonne,
unser Lächeln wärmt unsere Körper,
so sind wir die Kumpel unter Tage.

Ausgegraben aus der Tiefe der Erde,
werden wir in die Erde begraben.

Es ist ein Wahnsinn.
Er presst die Luft wie eine dunkle Nacht in unsere Herzen.
Er nahm uns ins Grab.

Unsere Muskeln können nicht mehr einhämmern.
In unseren Gedanken schaukeln wir unsere Zukunft hin und her.
Unsere Gedanken sind bei unseren Kindern, die draussen auf uns warten.

Gebt uns unsere Toten, schreien unsere Mütter.
Gebt uns unsere Väter, schreien unsere Kinder.
Gebt uns unsere Männer, schreien unsere Frauen.
Gebt uns unsere Kumpel, schreien weltweit die Bergarbeiter.

Wir lassen euch Hunderte von Waisenkindern.
Unermesslich, unsere Trauer.

Wir klagen die Habgier des Kapitalismus an,
die für noch mehr Profit das Leben von uns nimmt wie ein Raubtier.

Es ist die Habgier, die uns lebendig einschloss in dunkler Tiefe der Erde.

(Veröffentlicht am 20.05.2014 auf www.migrapolis-deutschland.de)

İstanbul Okmeydanı – Platz des Pfeils 22. Mai 2014

İstanbul Okmeydanı – 22 Mayıs 2014

Adına Okmeydanı derler
olmuş kurşun meydanı
vurulmuş yatar bir insan
kendi kanı içinde
adı Ayhan
başından akan kan karışmış sokağın kirli zeminine
yapayalnız
Polis siperde kurşun sıkar, hedefinde insan
Ve biraz ötede bir Cemevi’nin önünde vurulmuş
Uğur
Yatıyor soğuk bir beton üzerinde
akan kanı içinde bir tek başına
Bu meydan bundan böyle
Uğur ve Yılmaz‘ın adlarına adansın
neydi suçları
yanlızca insan olmaktı
Her ikisininde şansızlıkları o gün orda bulunmaktı

 

İstanbul Okmeydanı – Platz der Pfeils 22. Mai 2014

Sein Name ist der Platz des Pfeils
Es wurde nun der Platz der Kugel
Es liegt ein Mensch am Boden, erschossen
Er liegt in eigenem Blut
Sein Name ist Ayhan
Aus seinem Kopf fließendes Blut mischt sich in den Schmutz der Straße
Er ist einsam
Polizei ist in den Schützengräben, schießt auf Menschen
Und etwas entfernt wurde vor einem Gemeindehaus
Ugur erschossen
Er schläft auf dem kalten Betonboden
Dieser Platz soll ab jetzt Ugur und Yilmaz gewidmet werden
Welche Straftaten haben die beiden begangen?
Deren Schuld war es nur Mensch zu sein
Das Unglück der beiden an dem Tag dort zu sein

 

 

Worte

Die Gedanken werden Worte,
die Worte folgen der Vernunft.
Die Vernunft ist menschlich, man sollte ihr folgen.

Die Gedanken fliegen wie Zugvögel über die Grenzen.
Die Gedanken fließen wie Flüsse in die Ozeane.
Die Gedanken sind die Sterne am Himmel,
leuchten wie Perlen am Hals unserer Erde.

Die Gedanken werden Worte,
geschriebene und noch nicht geschriebene Odysseen.
Die Gedanken werden Worte,
aus denen wird die Geschichte geschrieben,
mal folgen glanzvolle Taten,
schöne Poesie entspringt wie ein Brunnen aus dem Leben,
mal erfolgen grausame Ereignisse,
Kriege und Elend, die durch Herrscher verursacht werden.

(aus: Nomaden, 2012, Free Pen Verlag)