Multiliteralität und Migration – die Aufgaben Europas

Das Thema “Mehrsprachigkeit in einer interkulturellen Gesellschaft” gewinnt sowohl im vereinten Europa als auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Gleichwohl befinden sich zentrale Inhalte von “Mehrsprachigkeit” und „Multiliteralität“ gerade erst am Anfang einer Diskussion, die aus verschiedenen Perspektiven erörtert und zur Diskussion gestellt werden. Die gegenwärtige Gesellschaft ist nicht mehr national-deutsch, sondern vielfältig und interkulturell.
Diese Entwicklung fordert von der Aufnahmegesellschaft und ihren gesellschaftsrelevanten Institutionen eine Neuorientierung und die Entwicklung neuer gesellschaftpolitischer Konzepte, die die Bedürfnisse der Gesellschaft mit berücksichtigt.
In der Bundesrepublik Deutschland leben heute etwa 7,3 Millionen Menschen ohne deutschen Paß. Sie befinden sich bereits in der dritten Generation hier. Es gibt über 2 Millionen Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft – Aussiedler und Kinder aus binationalen Ehen, deren Väter oder Mütter Deutsche sind. Diese Entwicklung verlangt eine neue, aktive Zuwanderungspolitik, die stärker als bisher die Vielfalt der Kulturen und die entstehende ethnische, religiöse, kulturelle und sprachliche Pluralität berücksichtigt.
Mehrsprachigkeit kann beim Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft und Kulturen eine verbindende und verständigende Rolle spielen. Völkerverständigung und interkulturelles Zusammenleben in Deutschland und in Europa können durch Sprachen gefördert und verstärkt werden. Dabei übernimmt „Sprache“ bzw. „Mehrsprachigkeit“ sowohl zwischen Generationen der Einwanderer als auch zwischen den Migranten und der Aufnahmegesellschaft eine erhebliche Brückenfunktion.
Heute, in einem vereinten Europa und in Deutschland soll die Förderung der Mehrsprachigkeit bzw. Zweisprachigkeit die zentrale Aufgabe der interkulturellen Erziehung sein. Eine praxisnahe, interdisziplinär und differenziert geführte Diskussion über den Umgang mit Mehrsprachigkeit in Deutschland ist daher dringend geboten.
Vielfalt der Kulturen bedeutet zugleich die Vielfalt der Sprachen. Die durch Migration entstandene ethnische Heterogenität fordert die Gesellschaft auf, ihre Vielfalt auch in sprachlicher Hinsicht zu bereichern. In den Anfangsjahren der Migration war die Sprache unter der ersten Generation der Arbeitsmigranten das verbindliche Bindeglied schlechthin. Ohne sie kann die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe sehr schnell verloren gehen, was zu Orientierungslosigkeit und zu Identitätsproblemen führen kann. Die Sprache ist für die erste Generation der Migranten außerhalb der Arbeitswelt ein eminent wichtiges Überlebenselement. Durch den Generationswechsel wird die Herkunftsprache für die zweite und dritte Generation ihre wichtige Funktion verlieren, dennoch bleibt sie weiterhin zwischen den Generationen als ein wichtiges Kommunikationsmittel erhalten.
Dabei spielt die Sprache eine integrative Funktion zwischen den Generationen innerhalb eines Familienverbands. Hier dient die Sprache zugleich als soziale Orientierung, auf die noch heute gerade die älteren Migranten nicht verzichten können. In diesem Sinne ist die Zweitsprachigkeit kein Defizit, sondern sie ist ein Verständigungsmittel zwischen den Generationen sowohl im häuslichen als auch im sozialen Umfeld.
Auch die Literatur– als Ventil ebenso wie als Brücke zwischen Menschen und Kulturen kann bei der Orientierung der Zuwanderer Impulse geben, sie aufklärerisch begleiten und in der Gesellschaft integrierend wirken. Literatur kann zugleich die Aufnahme von Migranten gesellschaftskritisch begleiten und in der Gesellschaft gegenüber Zuwanderern bestehende Vorurteile bearbeiten und neue Impulse geben, um das Zusammenleben positiv zu gestalten. Hier ist “Multiliteralität”, konkret ausgeformt in der Migrantenliteratur, besonders geeignet, Integrationsprozesse auf beiden Seiten – Migranten und Aufnahmegesellschaft – zu fördern.
Der hier veröffentlichte Text ist eine Zusammenfassung des Beitrags „Multiliteralität und Migration – die Aufgaben Europas“ von Dr. Hidir Çelik. Vorgetragen an der Tagung der Jacobs University in Bremen „Multiliteracy and Multiculturalism – An Opportunity for Europe?“ am 22.6.2006.